Es toben die Stürme...
Sonntag, 3. Januar 2010... es brausen die Wogen.
ok... Wogen gab es keine aber der Sturm, der noch immer übers Dach fegt war recht interessant.
Von meinem Fenster aus sah ich eine schwarze Sandwolke auf uns zukommen. Es brauchte etwa 2 minuten, da war es Nachtschwarz. Patagonien ist schon lustig!
Von selektiver Wahrnehmung und dem Theorem zur Existenz Gottes
Mittwoch, 30. Dezember 2009In nun fünf Monaten in dieser Firma, ich nenne sie mal nicht beim Namen, machte ich mir schon so einige Gedanken. Ist nicht so das ich hier zuviel Zeit hätte, mein vegetatives Nervensystem zum Beispiel arbeitet stets auf hochtouren. Die höheren Gehirnfunktionen werden durch regelmässige Kaffeeinfusionen gewährleistet, so wird das kribbeln im Kopf immer wieder zurückgedrängt.
In meinen Anstrengungen, das hier erlebte in Worte zu fassen, schrieb ich schon so einige Berichte, löschte sie aber wieder. Es war zu... unkreativ. Wie auch immer ich es beschreiben wollte, es las sich wie die Bedienungsanleitung eines Irrenhauses. Mit diesem Wahnsinn ist nun schluss.
So also mal zu den Fakten...
Theoretisch gesehen regelt diese Firma die Wasserversorgung einer ganzen Provinz von etwa der halben Grösse Deutschlands. Praktisch gesehen tut sie es nicht! Die Zuständigkeiten wurden im laufe der Jahre so oft verstaatlicht und wieder privatisiert, dass man sich jeden Morgen aufs neue fragt ob man nun Salutiert oder sich doch die Hand schüttelt. Zum heutigen Zeitpunkt hat sich ein Gleichgewicht eingependelt, die Firma ist nun halbstaatlich. Der aufkeimende Funke der Hoffnung kommt allerdings nicht weit. Die Firma ist einer übergeordneten Wasserbehörde unterstellt. Das ist zwar soweit nicht verwunderlich, irgendwer muss es ja regeln. Nur hat man zwischen Firma und Behörde mittlerweile keine Ahnung mehr, wer nun für was und warum zuständig ist.
Da ich mich in der ersten Zeit recht gut zu beschäftigen wusste, lebte ich in einer selektiven Realität. Dinge geschahen, die ich entweder über sprachliche oder systematische Anpassungen geistig ausklammern konnte. Mein zentrales Nervensystem verstand sich lange darauf, teile meines Gehirns ausser kraft zu setzen und mich der Situation so hinzugeben wie sie war.
Die beschäftigungsreiche Zeit am Anfang verbrachte ich mit dem Aufräumen der Daten auf dem Computer und des 4-fachen Backups auf dem Firmen-"Server". Mein Vorgänger, ein qualifizierter Ingenieur, verstand sich gut auf fraktale Datenspeichersysteme und der vollstrukturierung des Nichts. So war ich in der Lage den Informationsreichtum von gefühlten 30 Gigabyte (ohne Backups) auf 30 Megabyte zu komprimieren. Erste Karriereideen kamen dabei auf.
Dank meiner ersten Erfahrung mit der Erstellung von Kostenvoranschlägen für Lufteinblasanlagen für Klärgruben... für ... ach nein. Gut, nach Recherche aller nötigen Details, Lieferanten und Einzelpreise wagte ich mich nach Arbeitslöhnen zu fragen. Nicht mal für mich, nur für den Kostenvoranschlag. Das es kein anderer im Büro wusste war keine Überraschung. Als aber mein telefonisch befragter Vorgänger es schaffte, sogar das Telefon mit den Schultern zucken zu lassen, schrieb ich einfach irgendetwas. Es fiel nie auf. Wie auch? Drei Tage später wurde das gesamte Projekt von der Behörde gekippt. Das Datum auf der Notiz brachte mich meiner tatsächlichen Realität wieder ein Stück näher. Das Projekt war schon geändert worden, noch bevor ich mit dem Kostenvoranschlag anfing.
Die nächsten Wochen wollte ich mich nun mit sinnvollen Dingen beschäftigen. Ich erstellte das am besten gestaltete, multifunktionellste und vor allem teuerste Excelvorlage der ganzen Republik. Ich habe Sie bis zum heutigen Tag nicht einmal mehr benutzt.
Die restlichen drei Monate, bis Heute, verliefen ruhig. Man versuchte verschiedene Probleme zu lösen um zwei Jahre alte Projekte in den letzten Tagen mal eben fertig zu stellen...
Auszug Wikipedia:
Unter Problemlösen versteht man die Tätigkeit eines intelligenten Wesens, für ein gestelltes Problem - meist durch bewusste Denkprozesse - eine Lösung zu entwickeln oder anzuwenden.
... So harrte man der Dinge die da kommen.
Die Situation treibt mich nicht nur dazu das Internet auf Papier abzuschreiben, in den wachen Momenten meines Großhirns denke ich auch über dieses und jenes nach. Sogar ich ungläubiger musste nach Betrachtung einiger Fakten die Existenz eines höheren Wesens einräumen.
Was auch immer passierte, niemand starb wegen versagender Wasserversorgung.
1. Axiom:
Abbrennende Produktionsanlagen verursachten lediglich nicht nenneswerte Todesfälle.
2. Axiom:
Das Argentinische Volk verbrannte bisher nicht in einem Flammenmeer, verursacht durch Fehlfunktionen oder Kurzschlüsse in ihrer Energieversorgung.
3. Axiom:
Verwüstung Patagoniens
Dienstag, 10. November 2009So sieht es aus dem Weltall aus...
Sandsturm, der aus Patagonien in die Provinz Buenos Aires weht.
und das hier ertragen wir...
4. November 2009 (Sommer!!) - Stroeder, ganz in der Nähe von Viedma
Es ist 16:35 und es ist Nacht am hellichten Tag!
Die Flecken sind Sand und Staub im Sturm
Die Sonne ist durch den, in der Luft stehenden, Sand verdunkelt
Ruta 3, Richtung Süden, unweit von Stroeder (und Viedma).
Strasse vom angewehten Sand blockiert.
Laut der NASA kann dieses Phänomen an nur drei Orten Weltweit beobachtet werden
In den Wüsten der Sahara und Sibiriens, ...
und nun auch in der Wüste Patagoniens
Was bietet uns die Zukunft??
Immer mit der Ruhe
Mittwoch, 2. September 2009In den letzten Zügen liege ich mit meinem Kleinkrieg mit der hiesigen Einwanderungsbehörde. Zum einen brauche ich etliche Papiere um die "Residencia" zu beantragen. Ausserdem muss die Firma, die mich anstellt, in der Einwanderungsbehörde registriert sein.
Nun ist es mit den Behörden überall das gleiche. Irgendwann will man ihnen allen in den Arsch treten. Da gibt es kaum Unterschiede zwischen Deutschen und Argentiniern. In meiner Behörde verfolgen sie die "Wir sagen es ihm einfach später und sehen mal was passiert"-Taktik.
So kommt bei jedem Besuch in dem, vom Staat angemieteten Wohnhaus, in dem die Behörde ihr Büro hat, zu neuen Überraschungen. Jedes mal eine neue Information, ein neues Detail. Nun habe ich eigentlich schon alles zusammen, wollte aber doch noch mal hin um sicherzugehen...
Wie es aber so ist, wer viel fragt, bekommt viel Antwort! Nun hat sich herausgestellt, das die beiden in Deutschland teuer übersetzten Bescheinigungen nicht ihren Wünschen entsprechen.
Die internationale Geburtsurkunde ist auch hier international, so begnügen sie sich nun doch mit dem spanischen Index auf der Rückseite. Die Übersetzung ist also doch "al pedo", wie man hier so sagt.
Das Führungszeugniss der lieben Polizei in D-Land musste natürlich übersetz werden, hab ich auch schon getan. Nun kamen sie mit der neuen Info, das es durch einen argentinischen, beglaubigten Übersetzer gemacht werden muss. Ich habe mir schon die eine oder andere Rache ausgedacht. Ich werde es ihnen noch heimzahlen.
Die Krönung war aber eigentlich die Aussage, das die Registrierung des Arbeitgebers nur Formalität ist. Irgendwer offizielles der Firma muss nur die Eintragung vornehmen. Das wollten sie auch, haben sie sogar recht schnell gemacht. Nur mit dem Ergebniss, das man im Moment auf eine "Dokumentation" der Firma aus Buenos Aires wartet. Das dauert nur etwa 40 Tage. Dann können sie sich auch schon registrieren!
Beim schreiben schwanke ich wieder zwischen Wutanfall und völliger Apathie. Deutsche oder Argentinische Reaktion. Ich bin eigentlich schon ziemlich ruhig mit all dem aber manchmal raufe ich mir doch die Haare.
Aber wir werden sehen, vielleicht nicht Morgen, ganz bestimmt nicht nächste Woche aber es wird schon... irgendwann... man muss eben was geduldiger sein...
Arbeit
Samstag, 25. Juli 2009Nun doch noch ein Update in der Hitze des Gefechtes...
Mein neuer Job beim halbprivaten Wasserversorger der Provinz hier in Rio Negro. Das Papiergefecht ist noch nicht vorüber. Nachdem die Immigrationsbehörde die Informationen immer nur Stückchenweise ausspuckt, kam zum schluss noch heraus, dass der Arbeitgeber noch umfangreiche Dokumentationen zur Firma aus Buenos Aires anfordern muss.
Wenn das denn nun in einigen Tagen eintrifft, können wir den Vertrag unterschreiben und ich bin meiner Legalität einen Schritt näher.
Mein Job ist etwas theoretischer als ich es gerne hätte. Tatsächlich sitze ich nur am Schreibtisch und streng genommen habe ich die Stelle eines Ingenieurs übernommen. So einfach kommt ein Studienabbrecher an einen Ingenieursposten, man muss nur nach Argentinien ausreisen und auf gut Glück nen Job suchen. Mein verdienst haute mich echt vom Hocker! Ich bekomme ganze 2000 schleifen! In Euros sind das noch immer ganze 400. Das ist fast Ingenieurslohn! Mari hat mich fast getreten als sie das hörte. Ihre Finanzen brauche ich hier nicht breitzutreten aber als "staatliche Angestellte" leidet sie wie alle anderen Weltweit an akutem Finanzmangel.
Wir werden sehen wie es mit der deutsch/argentinischen Zusammenarbeit läuft. Es könnte hier und da zu unterschiedlichen Auffassungen von technischen Notwendigkeiten kommen... das erste Projekt, dass ich noch mal abschliessend Prüfen sollte, hatte ich im Handumdrehen zerpflügt und, wenigstens halbwegs IEC-Normen entsprechend, wieder zurückgegeben.
Auf meine Frage, nach welchen Normen (esp: normas)
hier gearbeitet wird, kam die Antwort: "¡La unica norma que hay es la que limpia!"
.
Die einzige "Norma" hier, ist die die putzt!
Neues Thema
Dienstag, 30. Juni 2009...neue Idee. Nur wofür?
Es gibt hier tagtäglich Dinge, die mich entweder mit den Augen rollen lassen, hin und wieder auch mal rot werden lassen oder mich einfach nur zum grinsen bringen.
Es geht dabei auch um die ernsthafteren Dinge, die mich immer wieder an die Unterschiede zwischen der schönen ersten Welt in Deutschland und die zweite bis dritte Welt, hier in Argentinien erinnern.
Hier in Viedma gibt es zum Beispiel, quasi "um die Ecke", ein Viertel, das sich "Las tablitas" nennt. Wörtliche Übersetzung ist "Die Brettchen". Man meint damit die architektonische Grundform der "Häuser" in der Gegend. Menschen mit Löchern im Dach. Eigentlich haben sie ein Loch über sich und hier und da ist ein Brett zu sehen. Das ist ein wunderbares "rot werde Beispiel", ein Ergebnis chaotischer Politik, ständigem Kurswechsels und schliesslich Misswirtschaft.
Natürlich besteht nicht das ganze Land und auch nicht die ganze Zeit, die ich hier verbringe aus negativen Beispielen und Erfahrungen. Es gibt einige schöne Beispiele zu diesem Land. Menschen die sich auch noch Jahre nach dem Militärregime jeden Dienstag in Buenos Aires vor dem Regierungssitz treffen. Sie demonstrieren auch noch Jahre später für die Aufklärung des "verschwindens" ihrer Kinder und Enkelkinder. Zugegeben, das verschwinden der Menschen ist nun wirklich nicht angenehm, aber zu sehen wie die "Abuelas de plaza de mayo", bis hin zu den "Madres de plaza de mayo" seit Jahren für Gerechtigkeit demonstrieren und die Verbrechen der Militärregierung in Erinnerung bewahren, bewegt doch einiges.
Ich könnte nun noch weiter ausholen und über Menschen schreiben, die den Mate nicht aus der Hand geben, ganz egal was sie zu tun haben. Oder von Motorradfahrern, die nachts absolut selbstverständlich ohne Licht durch die Gegend fahren...
... das hebe ich mir aber alles für später auf.




