Unter Germanen
Mittwoch, 2. September 2009So, es ist jetzt drei Tage her und ich denke ich kann darürber schreiben. Vorher war es einfach noch zu nahe. Ich habe ersten Kontakt zum "Kulturverein" der Deutschen hier aufgenommen. Also eigentlich der Nachfahren deutscher Einwanderer. Er nennt sich hier "Germanos de la Comarca.
Den einen oder anderen Kontakt hatte ich vorher schon, wurde immer wieder dazu eingeladen doch mal zu einem der Treffen zu kommen. Bisher hatte ich mich allerdings immer davor gedrückt... aus gutem Grund.
Es war also so weit. Auf der Arbeit rannte ich einem Mitglied der Gruppe über den weg, denn Deutsche findet man hier wirklich überall. Er lud mich für den kommenden Sonntag ein, zum "Tee und Kuchen Treff". Ich hatte davon schon einmal gehört und schreckte vor der Idee von Tee, Kuchen und Tanz zurück... es klang alles zu sehr nach Sonntags bei Oma!
Nun kam Sonntag. Noch völlig geschafft vom Asado am Mittag, machte ich mich mit Marisol auf zu der Sporthalle wo das Kaffeekränzchen statt fand. In der Strasse geparkt, sah man auch schon Hinweise auf die Veranstaltung, der Wagen der Firma "Schmidt" war der erste, ein älterer Herr mit Hut und schwarz rot goldener Verzierung der nächste Hinweis.
Also gut, rein da. Etwa 40 Tischreihen mit je 40 Stühlen... fast komplett besetzt! Dazu noch ne Bühne mit der sich vorbereitenden Band drauf. Kaum in der Halle, wurden wir abgefangen, an einen Tisch gesetzt und mit Tee und Kuchen versorgt. Kuchen nach traditionellen Rezepten. Zwischen Apfelstrudel und Marmorkuchen alles zu haben. Die Welt ist nicht nur verrückt nach deutschem Bier und Brot, es sind unsere Kuchen die sie alle wollen!
So einige nette Begegnungen hatten wir dort in der Halle. Daran hat es nicht gefehlt. Und doch kam ich mir ziemlich verloren vor. Es war wie in einem Deutschland-Fanclub. Zwar hat sich meine Einstellung zu meinem "Vaterland" in meiner Zeit hier in Argentinien reichlich geändert aber es war etwas heftig!
Es ist zwar so, dass ich nun tatsächlich dazu stehen kann ein Deutscher zu sein und kann auch sagen das sich ein gewisser Nationalstolz bei mir gebildet hat. Dennoch muss ich zugeben das ich nun beim schreiben doch noch Haare auf den Zähnen bekomme. Auch wenn ich nie einer dieser "Antideutschen" unter den Autonomen war und sie immer für ne pubertäre Übertreibung des Antifaschismus in Deutschland gehalten habe, bin ich doch nie besonders stolz auf mein Land gewesen. Mich in schwarz rot gold zu schmücken wäre mir nie in den Sinn gekommen und tut es auch jetzt noch nicht.
Bevor es hier jetzt ausartet mit Grundlagn über Nationalstolz und mein blog noch in den falschen links auftaucht... Es ist einfach ein merkwürdiges gefühl auf Deutsche Kulturgemeinschaften im Ausland zu stossen.
Um das mal zu erklären, es ist gewöhnlich niemand dabei der tatsächlich aus Deutschland kommt. Sie stammen von Deutschen Auswanderern ab, die irgendwann vor, während oder nach dem zweiten Weltkrieg hierher kamen. Worauf man wohl am meisten stösst, sind die sogenannten Wolgadeutschen (oder deren Nachfahren). Da die meisten der Vorfahren Deutschland das letzte mal zwischen 18xx und 1938 gesehen haben, ist es auch eine Mischung dieser Epoche, die die Deutsche Kultur hier färbt. Nun schreit hier keiner mehr nach Kaiser oder Führer, es ist zum Glück gänzlich unpolitisch. Allerdings macht sich der kulturelle Unterschied zwischen ihnen (Hüter der Kultur des frühen 20. Jahrhunderts) und mir ("Pottkind" zwischen Thyssen Stahl und Hausbesetzerszene) doch ganz ordentlich bemerkbar.
Es ist einfach so, dass sie sehr bemüht sind, die Kultur die sie kennen aufrecht zu erhalten und zu pflegen. Keiner behauptet, dass sie noch zur heutigen Kultur in Deutschland passt. Ich hatte es auch nicht erwartet. Dennoch war ich nicht zu beglückt mit Musik und Tanz. Überwiegend Polka!!! Sie haben diesen Tanzworkshop, so trat eine Gruppe auf und bot "Volkstümliche" Tänze. Das Einstudierte haben sie richtig gut hinbekommen, gefallen hat es mir nun nicht aber technisch wunderbar! Alles in allem sah es schwer nach Schwarzwald ohne Kuckucksuhren aus. Irgendwie mussten sie sich auf einen Stil einigen und ich bin schon verdammt glücklich nicht eine Lederhose gesehen zu haben.
Wer mich kennt, dürfte sich vorstellen können wie verloren ich mich fühlte. Unglaubliche Situation! Nun war man allerdings so nett zu mir und bot mir auch alle mögliche Hilfe an, dass ich gerne Kontakt behalten würde. Eines habe ich mir aber geschworen, nie wieder werde ich bei Tee-, Kuchen- oder Tanzveranstaltungen auftauchen.
¡Ni en pedo! ... Nicht mal besoffen!
Wer jetzt darüber flucht, dass ich wieder keine Bilder gemacht habe... ich wollte nicht und ich konnte nicht!!! Um euch aber einen Einblick geben zu können verlinke ich mal die Seite der "Germanos de la Comarca". Die Bilder sind vom Jährlichen Fest der Einwanderer. Ist wohl eine Parade inbegriffen, ich war noch nicht dabei. Ganz unten gibt es links zu anderen Fotoseiten.
Der Artikel is der Hammer,- kann mir richtig vorstellen wie du da sitzt, eine Kippe nach der der anderen rauchst und dir wünscht unsichtbar zu sein. Schamgefühl und Fremdschämen bekommt da ne ganz andere Bedeutung, was? Hab auf jedenfall hier ziemlich laut gelacht !!!




